{"id":91,"date":"2020-05-31T17:54:16","date_gmt":"2020-05-31T17:54:16","guid":{"rendered":"http:\/\/r-isfort.de\/?page_id=91"},"modified":"2020-09-06T08:33:36","modified_gmt":"2020-09-06T08:33:36","slug":"displaced-persons-dps-zwangsarbeiter-in-bottrop","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/r-isfort.de\/?page_id=91","title":{"rendered":"Displaced Persons (DPs): Zwangsarbeiter in Bottrop"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-table is-style-regular\"><table><tbody><tr><td>[ Rudolf Isfort] 4.2019<\/td><td>Erstabdruck in: Vestischer Kalender 91(2020); S. 213-217.<\/td><td><a href=\"http:\/\/r-isfort.de\/?attachment_id=345\">PDF-Download<\/a><\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p>1. \u201eWas Deutschland tut \u2026 ist hoffnungslos unvergessbar\u201c.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Kurz bevor die Amerikaner am 30.3.1945 in Bottrop einmarschierten, hatten sich die Spitzen der Bottroper Stadtverwaltung ins M\u00fcnster-, Sauer- oder Rheinland abgesetzt. Dort wurden v\u00f6llig unbehelligt aus den alten Nazis die neuen Demokraten der bald entstehenden Bundesrepublik. Mit ihnen verschwand Andreas K., der zu Recht f\u00fcrchtete , dass einige der nun befreiten Zwangsarbeiter, Displaced Persons in der Sprache der Milit\u00e4rregierung, ihn fangen und lynchen w\u00fcrden. Seine Nachbarn und Arbeitskollegen wussten, dass Andreas, \u201edeutschst\u00e4mmiges Gefolgschaftsmitglied\u201c, seine ihm unterstellten Zwangsarbeiter auf den Gleisen der Hafenbahn[1] oft mit dem Stiel einer Spitzhacke zur Arbeit anhielt.<a href=\"#_edn2\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignright is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/r-isfort.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/B1_1Klein.jpg\" alt=\"\" width=\"467\" height=\"75\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" width=\"510\" height=\"87\" src=\"\">\u201eSeit dem 22. Juni tobt ein Kampf von einer wahrhaft weltentscheidenden Bedeutung, \u2026 von mir [Hitler] nicht gewollt, [sondern] \u2026 eine Verschw\u00f6rung von Demokraten, Juden und Freimaurern. Der Gegner [Russland] aber ist bereits gebrochen und wird sich nie mehr erheben!\u201c (4.10.41).<a href=\"#_edn3\">[3]<\/a> Bis Ende 1942 nahm die deutsche Wehrmacht etwa 5,7 Millionen russische Soldaten gefangen. Mindestens die H\u00e4lfte von ihnen verhungerte oder wurde sogleich erschossen oder in Vernichtungslagern ermordet; \u201edie Sowjetregierung hat wiederholt formelle Klage [dar\u00fcber] gef\u00fchrt\u201c.<a href=\"#_edn4\">[4]<\/a> Wer Gl\u00fcck hatte, durfte im Deutschen Reich arbeiten. In Bottrop besetzten nicht nur russische Soldaten die von den deutschen Soldaten freigemachten Arbeitspl\u00e4tze, sondern auch \u201eZwangsverpflichtete\u201c aus nahezu allen besetzten Gebieten.<a href=\"#_edn5\">[5]<\/a> Schon \u201eim Juni 1941\u201c hat die \u201eReichsvereinigung Kohle bei G\u00f6ring und dem Oberkommando der Wehrmacht massives Interesse am Einsatz sowjetischer Arbeitskr\u00e4fte angemeldet\u201c.<a href=\"#_edn6\">[6]<\/a>&nbsp; So kam es zum \u201egr\u00f6\u00dften Fall der massenhaften, zwangsweisen <\/p>\n\n\n\n<p>Verwendung von ausl\u00e4ndischen Arbeitskr\u00e4ften in der Geschichte seit dem Ende der Sklaverei\u201c.<a href=\"#_edn7\">[7]<\/a> Ohne die Fremdarbeiter\/Zwangsarbeiter w\u00e4re der Krieg Hitlerdeutschlands deutlich eher verloren worden.<a href=\"#_edn8\">[8]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Anfang 1940 r\u00e4tselte die Umgebung des Bottroper Schlachthofes \u00fcber den Zweck der \u201e5 Holzbaracken und einer kleineren mit breiten Schornsteinen\u201c, die dort von den \u201eRheinischen Stahlwerken\u201c<a href=\"#_edn9\">[9]<\/a>&nbsp; an der Schubertstra\u00dfe<a href=\"#_edn10\">[10]<\/a> gebaut worden waren. Sp\u00e4ter bekamen die Recht, die meinten, sie seien f\u00fcr Kriegsgefangene bestimmt. Alphons R. und Heinz K. sahen die russischen Kriegsgefangenen oft, wie sie \u00fcber Schubert- und Gladbecker Stra\u00dfe von Bewaffneten nach Prosper III eskortiert wurden. Dort arbeiteten sie \u00fcber- oder untertage. Wenn sie Gl\u00fcck hatten, standen sie unter der Aufsicht von Menschenfreunden, die sie wie die verbliebenen Deutschen behandelten. Meistens hatten die \u201eFremdarbeiter\u201c Pech.<a href=\"#_edn11\">[11]<\/a><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/r-isfort.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/B1_2Klein.jpg\" alt=\"\" width=\"488\" height=\"60\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" width=\"518\" height=\"64\" src=\"\">Heinrich I. kam eines Tages erregt von der Arbeit nach Hause und berichtete seiner entsetzten Familie, dass gerade, als sein Hafenbahn-Zug, auf dem er als Heizer arbeitete, den Luftschacht von Rheinbaben passierte, im dort befindlichen Lager zur Abschreckung vor den versammelten Insassen zwei M\u00e4nner erschossen wurden \u2013 sie hatten versucht zu fliehen.<a href=\"#_edn12\">[12]<\/a> Die Genfer Konventionen sahen f\u00fcr diesen Fall nur disziplinarische Ma\u00dfnahmen vor. Die M\u00e4nner dieses Lagers nahe der Gladbecker Stra\u00dfe und der Boye, auf Gladbecker Gebiet, wurden von Bewaffneten \u00fcber Gladbecker -, Taeglichbeck- und <\/p>\n\n\n\n<p>Rheinbabenstra\u00dfe nach Rheinbaben gef\u00fchrt. Dort arbeiteten sie \u00fcber- oder untertage, konnten sich einzeln sogar in der Rheinbabenkolonie frei bewegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Emilie I. kochte Kaninchenfutter aus Kartoffelschalen und Kleie und stellte den Brei zum Abk\u00fchlen auf den Hof ihrer Rheinbaben-Werkswohnung. Das Futter enthielt immer 2-3 gekochte Kartoffeln, die nach kurzer Zeit verschwunden waren \u2013 geholt von \u201eOstarbeitern\u201c\/Zwangsarbeitern, die in der Rheinbabenkolonie Kriegssch\u00e4den ausbessern oder in der nahen Sandgrube Schmiersand abbauten. Anfangs folgte Emilie allein ihrem Gewissen, sp\u00e4ter kam die Hoffnung hinzu, dass ihre N\u00e4chstenliebe auch ihrem \u2013 \u201evielleicht\u201c, wurde ihr mitgeteilt \u2013 im \u201eKampf um Gro\u00dfdeutschland\u201c in Kriegsgefangenschaft geratenen Mann das Leben retten k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 1.9.1939 heulten pl\u00f6tzlich alle Sirenen: \u201eJetzt f\u00e4ngt der Krieg an!\u201c Rolf B., von der Kinderlandverschickung aus Oberbayern zur\u00fcck, strolchte gern zu beiden Seiten des Kirchschemmsbach bis zur Boye. Der Schulbetrieb war schon seit 1943\/44 eingestellt. Wenn er die Schienen der Hafenbahn \u00fcberwunden und die Waschberge von Rheinbaben passiert hatte, sah er die Baracken der \u201erussischen Frauen\u201c,<a href=\"#_edn13\">[13]<\/a> die auf Rheinbaben als Fremdarbeiterinnen, \u201eOstarbeiterinnen\u201c, arbeiteten.<a href=\"#_edn14\">[14]<\/a> Sie arbeiteten in \u201eFr\u00fch- und Sp\u00e4tschicht \u2026 \u00fcbertage \u2026 unter Anleitung von Arbeitern\u201c, wurden lediglich durch \u201eVollz\u00e4hlichkeitsappelle\u201c bei Arbeitsschluss \u00fcberwacht. Bottroper, die wie Sophie S.&nbsp; zum Schrebergarten \u201eKr\u00e4henbusch\u201c unterwegs waren, begegneten ihnen (M\u00e4nnern und Frauen) gelegentlich \u2013 mit geh\u00f6rigem Abstand.<a href=\"#_edn15\">[15]<\/a> Abstand mussten die Ostarbeiterinnen auch bei Luftschutzalarm halten: Sie durften nicht in den Schutzstollen\/-bunker f\u00fcr die deutschen Arbeiter und umliegenden Anwohner, sondern fl\u00fcchteten in einen eigenen, kaum gesicherten Unterstand. Die Zeche Rheinbaben wurde nicht bombardiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen der Wilhelmschule (Blankenstra\u00dfe 15) und der Horster Stra\u00dfe hatten die Rheinischen Stahlwerkes ein Barackenlager eingerichtet, in dem zun\u00e4chst franz\u00f6sische, dann russische\/ukrainische Zwangsarbeiter lebten. Die Russen\/Ukrainer waren&nbsp; z. T. mit ihren Familien nach Bottrop gebracht worden. Rudolf M. spielte oft mit den drei Jungen ( 10 \u2013 12 Jahre alt) einer Russen-Faminie. Sie hatten auch noch eine kleine Schwester. Diese Kinderfreundschaft war sehr gef\u00e4hrlich f\u00fcr beide Familien. Einmal musste sich Rudolf unter dem Lagerbett verstecken, weil sein Aufenthalt einem Wachmann sonst aufgefallen w\u00e4re. Maria(nne), Rudolfs Mutter, gab den Spielfreunden ihres Sohnes oft Suppe mit. Vater Adolf erz\u00e4hlte, die Russen reparierten in der Siedlung Kriegssch\u00e4den; vor allem aber arbeiteten sie auf Prosper III unter Tage, wo sie von einheimischen Kumpeln beaufsichtigt, von vielen auch drangsaliert wurden. Selbst einige Fahrsteiger taten sich dabei hervor. Ein verkr\u00fcppelter Nachbar drohte immer wieder, Russen erschie\u00dfen zu wollen. Adolf M. kannte aber auch Bergarbeiter, die versuchten, die Zwangsarbeiter mit einem Mindestma\u00df an Menschlichkeit zu behandelten: \u201eDass mir keiner die Russen schl\u00e4gt!\u201c Adolf nahm oft doppelte Butterbrotpakete mit zur Arbeit. Eins belie\u00df er in seiner Jackentasche &#8211; bei Arbeitsende war es immer verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Lager wurde sp\u00e4ter zur D\u00fcppelstra\u00dfe verlegt. Gegen Kriegsende wurden die Lagerinsassen zum Boyer Bahnhof \u201eeskortiert\u201c. Dabei geriet Rudolf erneut in eine gef\u00e4hrliche Situation, als seine kleine Spielkameradin ihn anrief und zu ihm laufen wollte, von ihrem Vater aber daran gehindert wurde. Danach verliert sich die Spur der Lagerinsassen, die kunstvolles, bewegliches Spielzeug aus Schie\u00dfdraht und Holzschnitzarbeiten, von denen sie Rudolf abgaben, herstellen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes I. sprach manchmal mit jungen russischen Kriegsgefangenen, die&nbsp; auf der \u201eHeide\u201c hinter der Aegidistra\u00dfe \u201eSchmiersand\u201c f\u00fcr Rheinbaben auf Pferdekarren schaufelten. Johannes schimpfte immer wieder mit dem deutschen Aufseher, wenn der die Russen \u00fcberm\u00e4\u00dfig hart behandelte. War eine Karre gef\u00fcllt, f\u00fchrte der Aufseher sie zum Zechengel\u00e4nde zur\u00fcck. Die Russen waren dann unbeobachtet und konnten mit Johannes radebrechen. Ein 24-j\u00e4hriger bat ihn immer mal um ein P\u00e4ckchen Salz, das jener auch bezahlte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zusammen mit Leo Z., dessen Eltern zuhause polnisch sprachen, besuchte Johannes auch die Zwangsarbeiter der Herbert-Norkus-Schule, nicht ohne ihnen mal ein paar Kartoffeln, einen Kohlkopf oder eine Birne aus den eigenen G\u00e4rten mitzubringen. Leo konnte sich mit ihnen verst\u00e4ndigen. Nach dem Einmarsch der Amerikaner bedankten sich die Fremdarbeiter mit Keksen und anderen K\u00f6stlichkeiten aus der amerikanischen Verpflegung bei den Jungen. Am 9.4.1945 meldete der Hausmeister der Schule, dass \u201e20 Polen &#8230; Schr\u00e4nke und Pulte aufbrechen und Lehrmittel gegen Essbares versetzen\u201c (B IV 40, 22).<\/p>\n\n\n\n<p>2. \u201eIhr m\u00fcsst euch reinigen\u201c.<a href=\"#_edn16\">[16]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Westfriedhof wurden \u201edie Feindgr\u00e4ber einheitlich angelegt, \u2026 auf dem Friedhofsteil der Russen ein etwa 5 m hohes Denkmal errichtet\u201c.<a href=\"#_edn17\">[17]<\/a> Heinz K., der es gebaut hatte, war deshalb dabei, als eine russische Delegation, nach den Verstorbenen zu sehen, den Friedhof 1947 besuchte. Die \u201eFeindgr\u00e4ber\u201c verbergen offensiv, dass die kommende Bundesrepublik gegen\u00fcber den Zwangsarbeitern kein Interesse und schon gar keine Schuldgef\u00fchle hegte.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignright is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/r-isfort.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/B3_1Klein.jpg\" alt=\"\" width=\"425\" height=\"53\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Nach Hitlerdeutschlands Krieg gab es in Bottrop 5.500\/6.000 Ausl\u00e4nder.<a href=\"#_edn18\">[18]<\/a> \u201eIm Ruhrgebiet \u2026 arbeiteten im Juni 1944 rund 220.000 ausl\u00e4ndische Zivilarbeiter, die H\u00e4lfte davon aus der Sowjetunion, und 75.000 Kriegsgefangene.\u201c<a href=\"#_edn19\">[19]<\/a> In Deutschland lebten im Mai 1945 etwa \u201esechs Millionen sogenannte Fremdarbeiter, \u2026 zwei Millionen Kriegsgefangene \u2026 und etwa 750.000 KZ-H\u00e4ftlinge\u201c.<a href=\"#_edn20\">[20]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" width=\"227\" height=\"167\" src=\"\">Im Potsdamer Abkommen (2.8.1945) legten die Siegerm\u00e4chte des Zweiten Weltkrieges fest, dass \u201eDeutschland gezwungen werden soll, in gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichem Ausma\u00df f\u00fcr die Verluste und die Leiden, die es den Vereinten Nationen verursacht hat, und wof\u00fcr das deutsche Volk der Verantwortung nicht entgehen kann, Ausgleich zu schaffen\u201c durch Reparationen. Die Wandlung des Kriegspartners UDSSR in den strategischen Gegner sorgte aber schon mit dem Londoner Schuldenabkommen (27.2.1953) daf\u00fcr, dass die aus dem \u201eZweiten Weltkriege herr\u00fchrenden Forderungen von Staaten &#8230; bis zur endg\u00fcltigen Regelung der Reparationsfrage [durch einen Friedenvertrag] zur\u00fcckgestellt\u201c wurden. Reparationen waren somit eine Angelegenheit zwischen Staaten, individuelle Entsch\u00e4digungen f\u00fcr Zwangsarbeit damit erledigt. In den Folgejahren schloss die Bundesrepublik mit den westlichen Staaten Entsch\u00e4digungsabkommen. An Israel zahlte sie (ab 1952) etwa 1,76 Milliarden Euro.<a href=\"#_edn21\">[21]<\/a> Bis 1964 verpflichtete sich die BRD in Globalabkommen, 12 EU-\/Nato-L\u00e4ndern 0,5 Mrd. Euro f\u00fcr Wiedergutmachung zu zahlen; Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes erhielten etwa 0,85 Mrd. Euro; Tschechien wurde mit 85 Mio. Euro abgespeist. Entsch\u00e4digung von Zwangsarbeit war nicht Gegenstand der Entsch\u00e4digungsabkommen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/r-isfort.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/B3_2B4_1Klein.jpg\" alt=\"\" width=\"207\" height=\"154\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Die Entsch\u00e4digung f\u00fcr NS-Zwangsarbeit musste der Bundesrepublik und ihrer Wirtschaft abgepresst werden. Die &#8218;zwei plus vier&#8216; \u2013 Verhandlungen 1990 erzeugte den n\u00f6tigen internationalen Druck<a href=\"#_edn22\">[22]<\/a> auf die BRD, endlich f\u00fcr eine Entsch\u00e4digung der Zwangsarbeiter*innen zu sorgen.<a href=\"#_edn23\">[23]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Es dauerte bis zum Jahre 2000,<a href=\"#_edn24\">[24]<\/a> ehe \u201esich der Deutsche Bundestag zur politischen und moralischen Verantwortung [bekannte, dass] der nationalsozialistische Staat \u2026 Sklaven- und Zwangsarbeitern durch Deportation, Inhaftierung, Ausbeutung bis hin zur Vernichtung \u2026 schweres Unrecht zugef\u00fcgt\u201c hatte.<a href=\"#_edn25\">[25]<\/a> Die Bundesregierung stellte, zusammen mit der Wirtschaft, etwa 4,37 Mrd. Euro in einer Stiftung &#8211; \u201eErinnerung, Verantwortung und Zukunft\u201c (14.7.2000) &#8211; zur Verf\u00fcgung, die alle k\u00fcnftigen Forderungen der 1,66 Millionen Berechtigten erf\u00fcllen sollte.<a href=\"#_edn26\">[26]<\/a> \u201eDie USA, die osteurop\u00e4ischen L\u00e4nder und die Vertreter der NS-Opfer [einigten sich] in Berlin auf die Verteilung\u201c.<a href=\"#_edn27\">[27]<\/a> Im \u201eGegenzug sch\u00fctzt die US-Regierung die [deutschen] Unternehmen vor Entsch\u00e4digungsklagen\u201c.<a href=\"#_edn28\">[28]<\/a> Das Stiftungskapital sollte ausreichen, allen Berechtigten einen Betrag von 2.500 Euro zukommen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst 15 Jahre sp\u00e4ter wurden die wenigen noch lebenden Rotarmisten entsch\u00e4digt, die im Deutschen Reich gearbeitet hatten. Das Stiftungsgesetz legte fest, \u201eKriegsgefangenschaft begr\u00fcndet keine Leistungsberechtigung\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\">Erstabdruck in: Vestischer Kalender 91(2020); S. 213-217.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref1\">[1]<\/a> Hafenbahn war die Kurzform f\u00fcr \u201ePreu\u00dfische Zechen- und Hafenverwaltung\u201c (1914), die Kohlen der Zechen M\u00f6ller (Gladbeck) und Rheinbaben (Bottrop) \u2013 sp\u00e4ter schlossen sich andere Zechen an &#8211; \u201ezur \u00dcbergabe an die Staatsbahnen [oder\/und] zum betriebseigenen Hafen am Rhein-Herne-Kanal\u201c bef\u00f6rderte.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref2\">[2]<\/a> Die sogenannten Polen-Erlasse separierten die Ostarbeiter nahezu vollst\u00e4ndig von der \u00fcbrigen Bev\u00f6lkerung und erlaubten z. B. die k\u00f6rperliche Z\u00fcchtigung der Zwangsarbeiter. Russische Kriegsgefangene hatten nahezu keine Rechte; sie mussten sogar getrennt von allen anderen Kumpel einfahren.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref3\">[3]<\/a> Westf\u00e4lischer Beobachter (WB): \u201eJeder wei\u00df, was er tun muss in dieser Zeit\u201c &#8211; der Appell des F\u00fchrers.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref4\">[4]<\/a> Mann, Thomas: Deutsche H\u00f6rer!, Leipzig 1970; S. 50\/51. In deutschen Zeitungen war das nat\u00fcrlich nicht zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref5\">[5]<\/a> Die Arbeiter*innen kamen aus den L\u00e4ndern, die die Wehrmacht des Deutschen Reiches \u00fcberfallen und okkupiert hatten: Polen, Belgien, Niederlande, Frankreich, Italien, Kroatien u. a. Bis 1942 kamen die \u201eWest- und Ostarbeiter*innen\u201c \u00fcberwiegend freiwillig nach Deutschland, bekamen als Westarbeiter*innen auch etwa den gleichen Lohn wie ihre deutschen Arbeitskollegen*innen, und konnten auch wieder in ihre Heimat zur\u00fcck. Mit dem \u00dcberfall auf Russland \u00e4nderte sich das grunds\u00e4tzlich: Es kamen \u00fcberwiegend russische Soldaten oder Ostarbeiter*innen und M\u00e4nner und Frauen aus auf dem Weg nach Russland okkupierten L\u00e4ndern, die meistens zwangsverpflichtet und dementsprechend behandelt und entlohnt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref6\">[6]<\/a> Holger Menne\/Michael Farrenkopf (Bearb.): Zwangsarbeit im Ruhrbergbau w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges; S. 15.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref7\">[7]<\/a> Fasse, Norbert: Zur Geschichte der NS-Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg, S.44 in Archivkurier 14\/2000.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref8\">[8]<\/a>. F\u00fcr den Bergbau, Haupt-Energielieferant des Deutschen Reiches, war die Beschaffung von Arbeitskr\u00e4ften ein besonderes logistisches Problem, dessen L\u00f6sung von volkswirtschaftlicher Bedeutung. Darum wurde die Arbeitskr\u00e4fteplanung f\u00fcr den Bergbau von der \u201eReichsvereinigung Kohle\u201c (ab 1941) in enger Zusammenarbeit mit staatlichen Beh\u00f6rden organisiert: von regionalen Arbeitsbeh\u00f6rden \u00fcber Landesarbeits\u00e4mter zur Reichsvereinigung Kohle, die dem Reichswirtschaftsministerium unterstand, ehe das dem R\u00fcstungsministerium Speers (1943) eingegliedert wurde. Die Wehrmacht stellte die f\u00fcr die Arbeit ben\u00f6tigten Kriegsgefangenen ab. (Menne\/Garrenkopf: Zwangsarbeit \u2026; S. 14.) Auch die sp\u00e4rliche Lebensmittelversorgung w\u00e4re ohne Fremdarbeiter dramatisch geringer ausgefallen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref9\">[9]<\/a> Kriegschronik der Stadt Bottrop, 1. Band; S. 208\/209.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref10\">[10]<\/a> Die ersten Bewohner des Lagers waren \u201eoberschlesische Volkspolen\u201c, die bereits im April 1941 dort eintrafen. Welchen Druck die Okkupanten einsetzten, die Arbeiter nach Bottrop zu holen, verr\u00e4t die Benachrichtigung der Bottroper Polizei durch die Verwaltung der Rheinischen Stahlwerke nicht. Sp\u00e4ter wurden dort russische Kriegsgefangene untergebracht.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref11\">[11]<\/a> Menne\/Garrenkopf: Zwangsarbeit \u2026 ; S. 18\/19.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref12\">[12]<\/a> Was Heinrich sich nicht denken konnte, war, dass sie vielleicht erschossen worden waren, weil sie sich mit deutschen Frauen eingelassen hatten.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref13\">[13]<\/a> Die \u201erussischen Frauen\u201c stammten wohl aus der Ukraine, Litauen und Russland.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref14\">[14]<\/a> Das Frauenlager auf der Schachtanlage Rheinbaben, \u201eLager f\u00fcr Ostarbeiterinnen\u201c, wird in den ENQUETES SUR LES PRISONS ET LES CAMPS DOUTEUX, Nr. 22, als \u201eehemalige Waschkaue\u201c angegeben, lag also auf dem Werksgel\u00e4nde. Das stimmt mit Aussagen von Augenzeugen \u00fcberein, erw\u00e4hnt aber die Baracken anderer Augenzeugen nicht. Das k\u00f6nnte daran liegen, dass im Zeitablauf das Lager auf zwei Behausungen ausgedehnt wurde; es ist aber auch denkbar, dass bei der sp\u00e4teren Erfassung der L\u00e4ger, aus zwei eins wurde. Ein Brief der Hibernia AG meldet, dass im August 1942 460 sowjetische Kriegsgefangene \u201eim Untertagebetrieb der Rheinbabensch\u00e4chte eingesetzt worden sind\u201c.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Au\u00dferdem wurden 1943\/44 die Bewohner ganzer L\u00e4ger verschoben. Die dar\u00fcber mit deutscher Gr\u00fcndlichkeit erstellten Belege waren aber nicht immer auffindbar. Die nach dem Krieg zusammengetragenen Informationen sind zudem von den Beh\u00f6rden und Firmen angegeben worden, die die L\u00e4ger unterhielten, aber kein gro\u00dfes Aufkl\u00e4rungsinteresse hatten.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref15\">[15]<\/a> \u201eDer Umgang mit Deutschen au\u00dferhalb der Arbeitszeit war ihnen [Polen] verboten und der Geschlechtsverkehr mit deutschen Frauen wurde mit der Todesstrafe geahndet\u201c. (Menne\/Garrenkopf: Zwangsarbeiter \u2026; S. 13.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref16\">[16]<\/a>&nbsp; Mann, Thomas: Deutsche H\u00f6rer!, Leipzig 1970; S. 49\/50.\u201eWas Deutschland tut \u2026 ist hoffnungslos unvergessbar. \u2026 Ihr m\u00fcsst euch reinigen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref17\">[17]<\/a> Verwaltungsbericht des st\u00e4dt. Gartenbau- und Friedhofsamtes, Jg. 1946\/47; S. 1. (Signatur: B I 10, 66).<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref18\">[18]<\/a> Belgische Soldaten suchten nach dem Krieg belgische \u201eWestarbeiter\u201c. Als Nebenprodukt erstellten sie eine Liste aller Lager Bottrops. Sie z\u00e4hlten 27, die von gro\u00dfen und kleinen Betrieben und in wenigen Ausnahmen von der Stadt unterhalten worden waren.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref19\">[19]<\/a> Kaminski, Uwe: \u201e&#8230; waren ja auch Menschen\u201c &#8211; Zwangsarbeiter im Revier in Borsdorf, Ulrich\/Jamin, Mathilde (Hg.), Hamburg 1989; S. 112.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref20\">[20]<\/a> Heinelt, Peer: Die Entsch\u00e4digung der NS-Zwangsarbeiterinnen und -Zwangsarbeiter, Frankfurt 2008; S. 10. Andere Historiker gehen von 10 bis 12 Millionen zur \u201eZwangsarbeit von Armee und SS ins Deutsche Reich verschleppten\u201c Menschen aus (Weinmann, Martin (Hg): Das nationalsozialistische Lagersystem, Frankfurt 1990; S. 137\/138).<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref21\">[21]<\/a> Die Entsch\u00e4digungszahlungen an j\u00fcdische Opfer des Nationalsozialismus, Deutscher Bundestag wissenschaftliche Dienste 2007; S. 8.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref22\">[22]<\/a> In den USA waren Sammelklagen anh\u00e4ngig gegen VW, AEG, Siemens, Daimler u. a., die auch medienwirksam ausgebreitet wurden, so dass die Firmen\u201emassive Imagesch\u00e4den, schwer zu kalkulierende Gesch\u00e4ftsrisiken und Wettbewerbsnachteile\u201c bef\u00fcrchteten (S\u00fcddeutsche.de vom 17.5.2010).<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref23\">[23]<\/a> Interessierte finden eine \u00dcbersicht\/Literaturangabe in Heinelt, Peer: Die Entsch\u00e4digung &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref24\">[24]<\/a> Das war auch der Startschuss f\u00fcr eine umfangreiche Suche in den Archiven nach den \u201ehistorischen Grundlagen \u00fcber die NS-Zwangsarbeit\u201c. Auch das Bottroper Stadtarchiv hat sich daran beteiligt und die entsprechenden Dokumante seines Bestandes zusammengetragen. Daraus entstanden eine Ausstellung und Unterrichtsveranstaltungen in einigen Bottroper Schulen. Ich durfte die Ergebnisse dieser Arbeit f\u00fcr meinen Beitrag auswerten. Daf\u00fcr danke ich dem Stadtarchiv Bottrop.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref25\">[25]<\/a> Pr\u00e4ambel des Gesetzes \u201eErinnerung, Verantwortung und Zukunft\u201c (14.7.2000).<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref26\">[26]<\/a> S\u00fcddeutsche .de vom 17.5.2010 (im Schnitt also 2.632 Euro)<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref27\">[27]<\/a> \u201eDer lange Weg zur Entsch\u00e4digung\u201c: Spiegel Online vom 30.5.2001.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"#_ednref28\">[28]<\/a> WAZ vom 18. Juli 2000: \u201eZwangsarbeit: Entsch\u00e4digung besiegelt\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[ Rudolf Isfort] 4.2019 Erstabdruck in: Vestischer Kalender 91(2020); S. 213-217. PDF-Download 1. \u201eWas Deutschland tut \u2026 ist hoffnungslos unvergessbar\u201c. Kurz bevor die Amerikaner am 30.3.1945 in Bottrop einmarschierten, hatten sich die Spitzen der Bottroper Stadtverwaltung ins M\u00fcnster-, Sauer- oder Rheinland abgesetzt. Dort wurden v\u00f6llig unbehelligt aus den alten Nazis die neuen Demokraten der bald &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"http:\/\/r-isfort.de\/?page_id=91\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDisplaced Persons (DPs): Zwangsarbeiter in Bottrop\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","template":"","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/r-isfort.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/91"}],"collection":[{"href":"http:\/\/r-isfort.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/r-isfort.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/r-isfort.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/r-isfort.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=91"}],"version-history":[{"count":53,"href":"http:\/\/r-isfort.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/91\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":625,"href":"http:\/\/r-isfort.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/91\/revisions\/625"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/r-isfort.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=91"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}